Jeder Morgen eine Soap in Unterwäsche

Jeder Morgen sieht hier gleich aus: Alle Familienmitglieder inklusive der Katzen, die die komplette Nacht über zusammengerollt und erstickend schwer auf mir drauf geschlafen haben, haben in den ersten fünf Minuten nach dem Augenaufschlag 150 Bedürfnisse. Zwei Kinder, zwei Katzen, zwei Erwachsene je mal 150 Bedürfnisse macht 900 Bedürfnisse für fünf Minuten. Alle Bedürfnisse müssen jetzt und sofort und lautstark quengelnd kommentiert befriedigt werden. Dieser Part geht an mich, das ist wohl mein Job. Ich, ein wahnsinnig ausgeglichener Morgenmensch, der quickfidel aus dem Bett hüpft und alles mit einem Zack erledigt – ähm NEIN – mache das totaaaal gerne. Ich = Morgenmuffel der schlimmen Sorte. Und dann darf ich selbst noch nicht mal Pipi gehen, einen Tropfen Wasser trinken oder mir überhaupt auch nur irgendetwas anziehen. Let them free das Motto, mein Mann ist begeistert, ich so mittel begeistert.

Es ist eine Soap! Ich spiele mit, freue mich aber unendlich auf die Zeit, in der ich Zuschauer bin. Ich bin dann das Gelächter und der Applaus auf Kommando aus dem Off. Der alltägliche Morgen ist als Mitspieler so, dass ich meist barbusig nur mit Schlüpper überm Klo gebeugt hänge, Popos abwische, durchgeweichte Windeln wechsele, selbst unendlich muss, aber das nächste dringenste Bedürfnis Hunger und Durst von der quakenden Rasselbande muss ja sofort und jetzt gestillt werden. Heizung höher drehen geht schneller als anziehen. Meine Nachbarn freuen sich sicherlich. Ne Unsinn, um diese Nachtzeiten ist hier in Berlin-Friedrichshain noch keiner wach. Der Club von unten, angeblich nur eine Cocktailbar, wummert manchmal noch hoch zu uns in die Küche. Beats die durchaus am frühen Morgen gar keine sooo schlechte Laune verbreiten, wir machen die Berlinparty mit. Inz, inz, inz. Mittendrin statt nur dabei! Inz inz inz. Wir clubben durch die Küche. Mamaaaaa Huuuunger! Kommt es von meiner Tochter und eh eh eh eh, was soviel wie „ich will sofort hoch in meinen Kinderstuhl“ bedeutet, äußert sich mein Sohn. eh eh eh eh eh, mit ausgestrecktem Finger nach oben, durchaus gesprächig der kleine Kerl. Ist zumindest der erste Schluck Kaffee inhaliert – wohlweislich versuche ich den abends vorzubereiten, damit morgens nur ein Knopfdruck nötig ist – sieht meine nackte Morgenmuffelwelt schon unsagbar viel besser aus.

Wenn alle sitzen und ihr Porridge/Müsli/Brot vor der Nase haben, kehrt Ruhe ein. Diese erste viertel Stunde ist eine Hürde, die ist gemeistert. Minikurze Verschnaufpause. Kaffee trinken, ganz vielleicht sogar selbst etwas essen. Oder das Essen sein lassen, damit ich rasantkurz Pipi machen kann. Irgendetwas Anziehbares werfe ich mir über, im Optimalfall trage ich sogar Socken. Haare kämmen oder gar waschen weicht einem Haargummi, wofür gibt es Mützen, oder? Zähne geputzt wird doch abends schon. Heute habe ich mich gegen Anziehen und für Essen entschieden. Und schwupps, da sind nämlich auch schon alle mit dem Frühstück fertig. Reiner flitzt raus, schnappt unzählige Müllbeutel und fünf andere Erledigungskramsachen (Gott sei Dank kann der sich schon selber anziehen) und wusch und weg.

Eh eh eh eh eh eh eh, was jetzt soviel bedeutet wie „ich will einen Schnuller“. Und Maamaaaaaa, Adventhkalender! Wir müthen noch die einth aufmache. Ach ja, da war ja was. „Geh schonmal die 15 suchen!“. Eh eh eh eh eh, übersetzt „Ich habe nach dem Brot und der Schüssel Porridge natürlich immer noch Hunger. Mehr bitte. Viel mehr.“ Es wird gebrüllt und gezetert bis alle ihre Klamotten und die tausendreizehn Wintersachen anhaben und wir erinnern uns, ich bin ja ein so fröhlicher Morgentyp, der das mit einem Zack meistert.

Ich renne die Treppen runter, zwei Kinder, (eh eh eh eh eh, Was jetzt? Trinken? Schnuller?) Klamotten, Wechselsachen, Fahrradhelm, Rucksack, ein Beutel mit irgendwelchen Erledigungskrams schleppend unterm Arm, den anderen braucht man ja, um die Haustür zu- und das Buggyschloss zwei Stockwerke weiter unten aufzuschließen. Tochter quasselt derzeit irgendetwas von Drachen und wir müssen uns beeilen, weil wir sonst gefressen werden. Wir kommen zu spät. Der Morgenkreis hat bestimmt schon angefangen. Vielleicht hat Tochter mit den uns fressenden Drachen recht. Wir rennen zur KiTa. Nassgeschwitzt im Schlafanzug mit nur einer Socke im Schuh, aber immerhin sind die Haare meiner Tochter gekämmt, erreichen wir das Kinderbespaßungs-und-betreuungszentrum. Hechel hechel, schnauf schnauf. Triefende Hitze im Kinderspaßland, Schweißperlen unter der dicken Winterjacke samt Mütze, Schal und Handschuhen, das alles mal drei – drei Mützen, drei Schals, drei Winterjacken – auf mir drauf gehäuft.

In der Kindergarderobe werde ich fröhlich gefragt: „Spontan Lust auf einen Kaffee um die Ecke?“ Ich: Hechel hechel schwitz schwitz trief trief.

Innerlich lache ich Tränen. Ich schüttel aber nur mit dem Kopf. Leeeute, ich bin hier mit nur einer Socke im Schuh, ohne BH und muss jetzt erstmal Zähne putzen und eine frische Unterhose anziehen. Vielleicht kratze ich noch was trockenen Porridge aus dem Topf. Und by the way in einer Woche ist Weihnachten, mal wieder wie jedes Jahr völligst überraschend am 24.12., und Katzenfutter muss gekocht werden – hahaaaa ja, sowas Beklopptes mache ich tatsächlich für die geliebten bedürfnisgeplagten Viecher. Ich trink dann mal den kalten Kaffee von heute morgen aus, allein und dabei online Weihnachtsgeschenke bestellend. Cheers.

 

*Dieser Blogpost ist inspiriert durch den wunderbaren Mutteralltagsaustausch mit meiner Leipziger Freundin. Danke für so amüsante Telefonate!

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