Kinder im Kiez – der Marathon zur Betreuung

Kinderbetreuung? Das ist doch alles komplett, komplett verrückt hier in Berlin! Seit zwei Jahren stehen wir mit zwei Kindern, damals war das zweite Kind noch gar nicht geboren (!!!), auf 4 Wartelisten von verschiedenen KiTas. Bei einer Liste sind wir rausgeflogen, weil ich mich „nicht alle zwei Monate gemeldet und Interesse bekundet habe“ (Hä?! Ja, so ist das hier). Bei einer weiteren KiTa, bzw. einer Gruppe, mit zwei KiTas, bin ich von der Warteliste einfach verschwunden, obwohl ich dabei war und gesehen habe, wie unser Name eingetragen wurde. Ich hatte allerdings auch vier verschiedene Ansprechpartner in zwei Jahren.

Das System an sich ist schon ein Witz: Riesenmappe, mit Unterlagen beim Jugendamt einreichen, mit einmal komplett den gesamten Haushalt nackig machen, inklusive verrücktester Bestätigungen, Stempel usw. von Arbeitgebern. Also wirklich solch ein großer Stapel, dass ich einen extra großen große-Stapel-umfassenden-Briefumschlag kaufen musste. Dann ein Schrieb, was denn alles nachgereicht werden muss (ich musste einen Schrieb nachreichen, weil ich ein pdf aus dem Internet geladen und ausgefüllt hatte, auf dem inhaltlich exakt das drauf stand, was die wollten, es hatte aber eine etwas andere Aufteilung auf der Seite, wie das Exemplar, was sie dann nachträglich geschickt haben. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Jetzt regel das mal von Kalifornien aus…). Danach wird ein KiTa-Gutschein ausgestellt… Wartelisteneintragung bei sämtlichen KiTas… nach mündlicher Zusage KiTa-Gutschein zur KiTa… Vertragsunterzeichnung in der KiTa… vor KiTa-Antritt Arzttermin.

Jetzt überlegt mal, wie viele Leute daran beteiligt sind, das EIN Kind in der KiTa spielen gehen darf?

2 Eltern

1 helfende Nachbarin

10 Listenverwalter in 10 KiTas (so im Schnitt)

1 Mitarbeiter Jugendamt

2 Personaler Arbeitgeber

1 Sprechstundenhilfe

1 Arzt (wird für die Bescheinigung, dass das Kind eine Woche vor Amtsantritt gesund ist, gebraucht)

mindestens 12 Postmitarbeiter, 1 Copyshop Mitarbeiter

Mindestens 17 Personen bis hin zu 31 Personen, wenn man den Kreis weiter fast. Pah! Ich bräuchte eine Medaille dafür, dass ich das mit zwei Kindern in einem Aufwasch mache und nicht 31 Personen zweimal beanspruche, quasi 62 Personen.

Ist doch kein Wunder, dass die hier keinen Flughafen bauen können.

Ich musste von Kalifornien aus, den KiTa-Gutschein beim Jugendamt beantragen (danke liebste Nachbarin für Deine Unterstützung!). Warum? Weil man den exakt neun Monate vor Beginn des KiTa-Eintritts beantragen muss. Und der KiTa-Antritt ist fast immer im Sommer, wenn die Schule los geht. Klar kann man auch erst drei Monate vorher den Antrag stellen, dann wird die Wahrscheinlichkeit pünktlich einen Gutschein einreichen zu können allerdings auch kleiner.

Es ist ein Jammer und für alle Beteiligten wirklich unzumutbar. Ich meine, auch die Erzieher sollten doch lieber Zeit haben, sich um Sprüchlein und Karten für Muttertag zu kümmern, outdoor-Wasserspiele auszudenken usw. und nicht hunderte Namen auf unzähligen Listen verwalten. Es ist wirklich unerträglich, es ist für alle furchtbar nervig. Wenn ich mir diese Berge an Listen nur vorstelle, die die haben müssen. Die KiTas wollen allen gerne einen Platz geben, können natürlich nicht. Geschwisterkinder haben Vorrang. Auch verständlich. Wer eingeschult wird und Platz macht für die nächsten ist unklar (Schulanmeldungen scheinen hier ähnlich chaotisch zu laufen). Eine fast unmögliche Logistik für die Listenführung. Alle Eltern setzen sich aus Panik auf 5 bis 15 Wartelisten, was die Listen natürlich nur unnötig länger und verwaltungsaufwendiger macht. Keiner gibt Zusagen, keiner gibt Absagen von beiden Seiten. Die Sprechstunden, der Anrufbeantworter, der E-Mailaccount, alles quilt über und alle finden, das es ein ganz großer Mist ist. Der Verwaltungskram beansprucht für alle Beteiligten zuviel Zeit, die Eltern bangen und wissen nicht, was sie Ihren Arbeitgebern zum Zeitpunkt des Berufswiedereinstiegs sagen sollen.

Ende vom Lied: Nach Monaten des Zitterns haben wir in unserer WunschkiTa zwei Plätze mündlich zugesagt bekommen, einen Termin zur Anmeldung und zur Vertragsunterzeichnung.

(Wie aberwitzig-katastrophal-humorvoll diese Anmeldung mit meinen beiden „Musterkindern“ abgelaufen ist, berichte ich zeitnah.)

Ist das in allen Städten ein solcher Marathon zur Betreuung, war das schon immer so oder bekommt es Berlin einfach mal wieder nicht hin?

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0 Gedanken zu “Kinder im Kiez – der Marathon zur Betreuung

  1. Kota gan es bei uns gar nicht, nur Kindergarten, das heißt Kind mindestens 3 und sauber sonst ging dar nix. Und nur halbe Tage. Die wenigen Ganztagsplätze waren quasi für Alleinerziehende reserviert, die darauf angewiesen waren. Halbtagsplätze auch manchmal rar. Deine Schwester war schon fast 4 als sie Platz bekam.
    Aber diesen ganzen Bürokratiekram gab es gar nicht. Na ja dafür gab s ja auch so st nicht viel.

  2. Also bei uns im Norden ist es zum Glück nicht so verzwickt, einen Platz zu bekommen! Dein Beitrag hat mir gezeigt, dass wir echt froh sein können, dass man so schnell einen Platz und meistens auch in seiner ❤Kita bekommt!

  3. Hier: Man meldet das Kind an (Pipifax), erfährt dann, dass der fußläufig erreichbare Wundschkindergarten erst in 9 Monaten einen Platz frei hat, entscheidet sich, entweder zu warten (och nö!) oder für einen der 3 alternativ angebotenen. Punkt! Woran liegst?: Baden-Württemberg. Oberschwaben. Katholisch.

    Aber irgendwie bin ich mir gerade wieder klarer darüber geworden, wieso wir derzeit ein Rekord-Tief bei den Arbeitslosenzahlen haben! Diese ganze Bürokraten-Kacke, die Du da durchlebst muss ja schon auch für was gut sein!
    Sogar die Papierindustire lebt von sowas (extra großer große-Stapel-umfassender-Briefumschlag).
    http://www.ardmediathek.de/tv/Brandenburg-aktuell/Rekordtief-bei-den-Arbeitslosenzahlen/rbb-Fernsehen/Video?bcastId=3822126&documentId=36297076

  4. Daraus entstand im Prenzlauer Berg ein bisher völlig unbekannter Beruf: der KiTa-Agent. Der managet (als Vater, Tante, Onkel, Oma getarnt) sämtliche Listen in den Läden (das man auf keinen Fall runterrutscht), meldet sich regelmäßig, um schön Interesse zu bekunden, erinnert die Eltern, wann sie wo „Vorspieltermine“ mit ihren Kids in den Einrichtungen haben und coacht, dass man auch für jeden Laden das korrekte wording beherrscht u.s.w. Provision wird von den Eltern nach erfolgreichem Abschluß eines KiTa-Vertrages gezahlt. Völlig verrückt!
    Trotzdem immer noch besser als in München. Da gibt es für Kinder unter 3 schlicht gar keine staatliche Betreuung. Und die privaten Krippen und Kindergärten, die sowas anbieten, haben gegen ordentlich cash auch nur ganz selten freie Plätze. Und das bei quasi Vollbeschäftigung in der Stadt.
    Der so entstehende Grundtenor ist ja ganz klar und hornalt: Kleinkinderbetreuung ist Privatsache und hat am besten Vollzeit von der Mutter zu erfolgen. Traurig.

  5. vielleicht habe ich glück gehabt oder in nrw ist es anders. ich habe das elfenmädchen ca. ein jahr vorher im evangelischen kindergarten um die ecke angemeldet und habe einen platz bekommen. der räuberhauptmann als geschwisterkind war kein problem. evtl gibt es einen unterschied zwischen kita und kindergarten…..

  6. In Dresden läuft die Platzvergabe mittlerweile über ein Online -Vergabesystem. Dort müssen sich Eltern und Kitas registrieren. Es kann genau nachvollzogen werden, wer wann und wo einem Platz frei hat bzw. benötigt. Davon wurden es zwar trotzdem nicht mehr Plätze, aber das auch von dir geschilderte Problem der Mehrfachanmeldungen hat man in den Griff bekommen.

      1. Naja, kommt darauf an, wie es ausgestaltet ist. So ein Onlineportal gibt es in Leipzig auch, allerdings _ohne Wartelistenfunktion_, zumindest war das noch bis vor einem Jahr so, keine Ahnung, ob das inzwischen geändert wurde. Man konnte sich also nur für Plätze registrieren, die tatsächlich frei sind bzw. innerhalb der kommenden drei (später sechs) Monate frei werden. Das hatte zur Folge, dass vor allem Menschen, die rund um die Uhr online sind (oder einen Computer programmieren können, das für einen zu erledigen), einen Platz ergattern können — die Vergabe erfolgte nämlich an den ersten, der es schaffte, das Formular auszufüllen…

        Inzwischen bin ich in der westdeutschen Provinz und da geht das einigermaßen. Die Gemeinde hat ein Familienservicebüro, das sich wirklich bemüht, alle angemessen zu versorgen. Krippenplätze gibt’s allerdings nur wenige, und wenn, dann nur für den Vormittag. Für die Ganztagsbetreuung ist man dann zusätzlich auf eine Tagespflegeperson angewiesen.

        1. Ich verstehe wirklich nicht, warum das alles so kompliziert sein muss. Es fühlt sich ein bisschen so an wie – ach morgen ist Weihnachten, und nächstes Jahr am 24.12. auch? Echt jetzt? Es ist doch völlig klar, dass es Kleinkinder gibt und dass sich Eltern eine Betreuung wünschen. Provinz und Servicebüro… Von Mensch zu Mensch, Entschleunigung, Service, so fühle ich mich als Mama doch auch wohl, mein kostbarstes Gut, meinen Nachwuchs zeitlich abzugeben. Im dicken B scheint es nur Panik und Chaos zu diesem Thema zu geben.

  7. Uff, also wir Österreicher haben ja viel Verständnis dafür, dass in D Dinge auch einmal anders gemacht werden als bei uns. Ihr redet ein bisschen anders, ihr benennt das Essen um (und ich will gar nicht wissen wie sich so ein Topfen fühlt, wenn man Quark zu ihm sagt oder er zur Kaesesahnetorte verwurstet wird), aber so viel Bürokratie und Stress für die Eltern, um einen Kita Platz zu bekommen, das ist wirklich schlimm! Davon sind wir hier zum Glück noch ein Stück weit entfernt, denke ich. Jahrelange Vormerklisten gibt es so viel mir bekannt ist nur für ein paar private Einrichtungen, in denen man sein Kind ganz gerne sehen würde, weil der Pausenhof echt riesig ist ( in der Stadt viel wert). Also bitte Daumen halten, dass wir in 5 Jahren eine Einladung für eine Vorstellungsrunde für die Kleine in der Grundschule bekommen 😉 😉
    Mit der Großen haben wir es gar nicht auf die Vormerkliste geschafft, weil wir sie nicht zur Geburt schon angemeldet haben, tz tz, aber man lernt ja für das 2. Kind.

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