Das Moor des ewigen Gestanks

Wie kommt man auf die Insel Alcatraz, warum misst man hier in Meilen, Gallonen und Unzen, warum ist hier Rechtsverkehr, wo doch in Großbritannien links gefahren wird?

So interessante Fragen, wozu ich mich gerne belesen würde. Die Antworten gebe ich meinem von der Arbeit begeisterten Ehemann, der abends nach Hause kommt, Essen steht auf dem Tisch, wir erzählen von unserem Strandtag, er von Arbeitserfolgen. Zoooonk. Dazu kommen wir nicht. Weder zu Strandtag, noch zu Arbeitserfolgen, noch zu Gallonen-Antworten. Denn es ist völlig egal, was wir anfassen, es quillen und blubbern einfach überall wie im Moor des ewigen Gestanks schlechte Dünste hoch, die wir wild um uns schlagend und mit Atemmasken bekämpfen. (Vielleicht ist David Bowie in Gestalt des Koboldkönigs unser Hausgeist und wir durchschreiten sein Labyrinth; Prominenz aus Los Angeles zu Besuch, gar nicht so unwahrscheinlich)

Das lange amerikanische Wochenende beginnt, alle machen roadtrips, Barbecues, genießen die Zeit, wir fahren zur Versicherung. Der nette Mensch teilt uns, während Malea halbnackt auf dem Büroboden Yogaübungen macht, mit, dass wir die Autoversicherung noch nicht abschließen können, weil wir das Auto bei DMV noch nicht umgemeldet haben. Außerdem brauchen wir einen kalifornischen Führerschein… Eventuell mit schriftlichem Test und praktischer Fahrprüfung. Reiner ist wahnsinnig begeistert, hüpft förmlich vor Freude in die Luft in Erwartung von all den tollen Sachen, die da ab Dienstag auf uns zukommen: Stundenlanges Warten beim DMV, Führerscheintest, zurück zur Versicherung… nix da mit Arbeitserfolgen.

Wir fahren also ohne Versicherung weiter, lassen uns nicht die Laune verderben. Wunderschönen Ausflug nach San Francisco gemacht. Sind eigentlich nach SF rein, weil Reiner noch mal in die Uni springen wollte, um kurz die nächste Festplatte für die Datenübertragung anzuschließen – Schlüssel vergessen. Damit wir uns nicht umsonst durch den Verkehr gekämpft haben, die öffentliche BART – sowas wie ne S-Bahn – fällt dieses verlängerte Wochenende nämlich aus, machen wir einen Ausflug zum Pazifik und den Regionalpark dort. Am Strand sind wir herrlich lang spaziert und hoch in einen Pinienwald mit großartiger Aussicht auf die Golden Gate Bridge, die, wenn man es mal genau nimmt, einfach eine große rote Brücke ist. ;-D Mit Malea noch im Sand gespielt, einen Baywatcher mit riesenhaften Jeep beobachtet. So schön und aufregend dieses San Francisco. Gepicknickt.

Zurück zum neuen Auto. Klick klick, aufgeschlossen. Neeeeheee heee, Kofferraum geht auf, ja. Und sonst? Nix mit Klick Klick. Alles bleibt zu. Verrammelt und verschlossen. Wir stehen vor dem Auto, zwei Strandtaschen, ein Buggy, zwei Kinder, müde.

Wir sind also wieder im Moor des ewigen Gestanks mit den hochquellenden Dünsten. Waber waber, Dünste wabern um uns herum. Ich sehe zudem wieder die Dollar-Rauchwölkchen vor mir schweben. Schnell weggucken.

Fenster kann man mit einem Trick alle runterfahren. Kinder werden über die Fenster in die Kindersitze geladen. Die Fahrertür geht manuell auf, ich klettere einmal quer durchs Auto. Tank noch viertel voll. Tankdeckel? Bleibt auch verschlossen. Wegen der Datenübertragung und ausgefallener BART müssen wir eigentlich morgen mit dem Auto nochmal in die City…Ich google auf der Rückfahrt, also nicht nach Alcatraz, sondern nach Antworten auf die Zentralverriegelung. Es könnte vielleicht eine durchgeknallte Sicherung sein. Keine Autoversicherung, keine Sicherung… Im dunklen Loch wieder angekommen, wo Reiner noch die ordentlich nach Pipi riechende Hausbesitzerin im Morgenmantel trifft (das Moor grüßt). Alle  werden wieder über die Fenster ausgeladen. Wir sagen dem Hausgeist hallo, erzählen ihm vom Tag, freunden uns mit ihm an und flüchten ins Bett. Meistens regelt sich ja alles über Nacht, David Bowie mag uns ja langsam.

0 Gedanken zu “Das Moor des ewigen Gestanks

  1. Hey, der Hausgeist ist jetzt wohl auch in den Blog eingezogen. Hab Benachrichtigung gekriegt, dass neuer Beitrag da mit dem Titel „San Francisco“, aber den kann ich nur in der Mail lesen. Ist nicht im Blog zu sehen. Sag David Bowie, er soll keine Beiträge fressen, sonst werden die Bogfans bitterböse.

  2. oh mann, majita…..! ich fiebere mit und so anschaulich, wie Du das beschreibst, fühlt sich jede neue Hürde sehr authentisch wie ein gezielter Hieb in die Magengrube oder wie ein dicker fetter Stein auf der Brust an… aber ihr werdet das meistern! und danach umso mehr stolz auf euch sein! und alle Anekdoten in ein Buch packen, das dann ein Bestseller wird und Du wirst das reichste braunhaarige desperate Pamela-housewife mit Sabber am Dekolletee sein, das die Welt je gesehen hat!!!! Tschakka!

    1. Ich kann mich ja auch nur noch kaputt lachen! Wie ständig ne Komödie anschauen. Es wird schon irgendwann nach Führerscheinprüfung 😀 Normalität einkehren, aber schon auch langweilig dann als Erlebniserzählerin, da ist das so doch besser.

  3. Ich erfahre gerade, dass man beim Führerscheintest Fragen beantworten muss wie: „Wie lange kommt man ins Gefängnis, wenn man auf Straßenschilder schießt?“ Ich lach mich schlapp, mit Mitte 30 machen wir wieder einen Führerscheintest – diesmal ganz amerikanisch, ganz praxisnah. Über die Fahrertür und dann von innen die Türen aufmachen – das hat der Hausgeist über Nacht geregelt – kommen wir wieder ins Auto rein, können uns das Fenstergekrabbel heute zumindest sparen und vollgetankt ist auch. Die Sicherungen hat Reiner über youtube-Lernen und Internetrecherche geprüft, die funktionieren alle. Einfach aussitzen, der Hausgeist ist bestimmt auf unserer Seite.

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